Der frühere Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, Ben Hodges, warnte dieser Tage unumwunden vor einem Krieg zwischen den USA und China. „Es ist nicht unvermeidbar, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß wir in 15 Jahren mit China im Krieg sein werden“, sagte Hodges auf dem kürzlichen Sicherheitsforum in Warschau, einer zweitägigen Konferenz mit Teilnehmern aus Militär, Politik und Wirtschaft.

Als Gründe dafür führt der US-General, der seit seinem Kommando in Europa strategischer Berater beim Zentrum für Europäische Politikanalyse in Washington ist, den „konstanten Technologiediebstahl“ und die wachsende Kontrolle Chinas über Afrika und Europa an, die sich Peking durch Projektfinanzierung sichere. Hodges wies darauf hin, daß bereits zehn Prozent aller europäischen Häfen gehörten. Der kürzliche Beinahe-Zusammenstoß von Kriegsschiffen beider Länder im Südchinesischen Meer sei nur eines von vielen Anzeichen für die angespannten Beziehungen.

Allerdings ist Washington selbst gerade dabei, einen zusätzlichen Grund für sich verschlechternde Beziehungen zwischen der aufstrebenden Großmacht China und der – zumindest im westlichen Pazifik – raumfremden Supermacht USA zu schaffen. Unter Experten ist es nämlich ein offenes Geheimnis, daß die von US-Präsident Trump kürzlich angekündigte Aufkündigung des INF-Vertrages über Mittelstreckenraketen auch gegen China zielt. Washington ist es ein Dorn im Auge, daß das Abkommen die US-Regierung bislang daran hindert, der fortschreitenden Raketenrüstung Chinas etwas entgegenzusetzen, weil Peking nicht Vertragspartner des INF-Abkommens ist.

China hat den geplanten Ausstieg der USA aus dem Abkommen denn auch scharf kritisiert und jede Mitverantwortung entscheiden zurückgewiesen. Die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, widersprach jüngst explizit der amerikanischen Darstellung: „Es ist völlig falsch, China in den Rückzug aus dem Vertrag zu involvieren.“ Eine einseitige Abkehr der USA werde „viele negative Auswirkungen“ haben. Die USA sollten vorsichtig mit diesem Vertrag umgehen, sagte die Sprecherin.

Tatsächlich hat der angekündigte Ausstieg der USA das Potential, eine Rüstungsspirale rings um China in Gang zu setzen. US-Strategen drängen schon seit längerem darauf, US-Mittelstreckenraketen etwa in Japan, Nordaustralien und auf den Philippinen zu stationieren, um die amerikanische Schlagkraft gegenüber China zu stärken.

Gegenwärtig besteht ein großer Teil des chinesischen Raketenbestandes aus Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern. Ihre zentrale Funktion besteht darin, feindliche Operationen nahe des chinesischen Territoriums zu verhindern. Sie sind eine wichtige Säule im chinesischen „Anti Access/Area Denial“-System (A2/AD), das den Zugang feindlicher Streitkräfte zu angrenzenden und für China wichtigen Gewässern wie etwa dem Südchinesischen Meer sperren („Anti Access“) und dortige Kampfhandlungen unterbinden soll („Area Denial“). Das System ist ausschließlich defensiv aufgestellt bzw. dient der Wahrung chinesischer Interessen in der Region.

Zu den chinesischen Mittelstreckenraketen zählen auch Modelle wie die DF-21D, die unter Experten als „Carrier Killer“ gilt und fähig sein soll, Flugzeugträger der U.S. Navy auszuschalten. Andere chinesische Mittelstreckenraketen sind im Konfliktfall jederzeit in der Lage, alle US-Militärbasen auf dem japanischen Festland sowie Okinawa ins Visier zu nehmen und darüber hinaus die US-Marinebasis auf Guam zu erreichen. Washington müßte also im Falle einer Aggression gegen China mit höchst empfindlichen Gegenschlägen rechnen.

Vor diesem Hintergrund würde es der Austritt aus dem INF-Vertrag den USA nun ermöglichen, künftig eigene landgestützte Mittelstreckenraketen in Ost- und Südostasien zu stationieren. Verfügbar sind solche Waffensysteme bereits jetzt, allerdings nicht auf Land; sie müssen von U-Booten, Schiffen oder Flugzeugen abgeschossen werden. US-Strategen halten eine landgestützte Stationierung in Ost- und Südostasien für überaus ratsam. Sie würde die eigene, derzeit als „unzulänglich“ eingestufte „offensive konventionelle Feuerkraft“ in Ost- und Südostasien stärken, erklärte ein ehemaliger Berater des Kommandeurs des U.S. Pacific Command, der heute für den Washingtoner Think Tank Center for Strategic and International Studies (CSIS) tätig ist.

Tatsächlich hätte die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen rings um sein Territorium für China gravierende Folgen. Zum einen werde die Volksrepublik auf die neue Bedrohung mit kostspieligen Maßnahmen zum Schutz ihrer militärischen Einrichtungen reagieren müssen, erläutert der CSIS-Experte. Zum anderen könnten die Mittelstreckenraketen als „Eckstein“ für eine neue US-Militärstrategie im westlichen Pazifik dienen, die amerikanische Strategen ohnehin seit geraumer Zeit einfordern. Die US-Streitkräfte könnten hiernach künftig ihre eigenen A2/AD-Kapazitäten in Ost- und Südostasien etablieren und sie mit Hilfe dort stationierter Mittelstreckenraketen auf die Gewässer vor den chinesischen Küsten richten – etwa auf das Südchinesische Meer.

Dieses würde damit – ebenso wie das Ostchinesische und das Gelbe Meer – im Kriegsfall zu einem „Niemandsland“, weil auch chinesische Verbände dort nicht mehr ohne Gefahr operieren könnten. Für die chinesischen Streitkräfte bestünde die Gefahr, faktisch auf eigenem Territorium bzw. in den eigenen Gewässern eingekesselt und von feindlichem Militär bedroht zu sein. Eine solche Veränderung des Kräftegleichgewichts im Westpazifik würde für China eine erhebliche Verschlechterung seiner strategischen Möglichkeiten bedeuten.

Noch ist das aufstrebende Reich der Mitte vollauf damit beschäftigt, sich aus der traditionellen Einschnürung durch den US-Hegemon zu befreien und den eigenen Anspruch auf umstrittene Positionen im eigenen geostrategischen Vorfeld zu untermauern. Wie das amerikanische Agieren im Zusammenhang mit dem INF-Vertrag nahelegt, ist Washington nicht bereit, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen, und will den Druck auf Peking auch künftig mit allen Mitteln aufrechterhalten. Im schlimmsten Fall behält General Hodges recht, und die beiden Großmächte befinden sich in spätestens 15 Jahren miteinander im Krieg.

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