In einem Trakt des Straßburger Europaparlaments war dieser Tage eine u.a. vom China Maritime Museum und der China Artistic Photography Society getragene Ausstellung zu sehen, die den insgesamt sieben Entdeckungsfahrten des chinesischen Admirals Zheng He im 15. Jahrhundert gewidmet ist. Im Westen wurde diese Episode der chinesischen Geschichte erst in den letzten Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Tatsächlich ist die Vorstellung maritimer Großunternehmungen des Reiches der Mitte überraschend – China war in seiner vielhundertjährigen Geschichte so gut wie immer Landmacht. Erst heute sieht es sich, in allen Bereichen vehement expandierend, zum raschen Ausbau seiner Seestreitkräfte veranlaßt, weil die USA die Konkurrenzmacht an ihrer pazifischen Gegenküste nicht zu akzeptieren bereit sind.

Die Straßburger Ausstellung kam insofern zum richtigen Zeitpunkt und erinnerte daran, daß das heute von der Pekinger Regierung mit Riesenschritten vorangetriebene Projekt „Neue Seidenstraße“ („One Road, one belt“) nicht das erste seiner Art ist. Die sieben See-Expeditionen des Admirals Zheng He zwischen 1405 und 1433 brachten chinesische Händler, Militärs und Forscher bis an den Persischen Golf, nach Indien und Afrika – also genau in jene Räume, die auch heute wichtige Stationen der neuen – in diesem Fall: maritimen – Seidenstraße sind, die China schon bald mit dem Westen verbinden soll.

Neue Seidfenstraße als grandioses Infrastrukturprojekt

Ohne Zweifel ist die Neue Seidenstraße das kühnste und gewaltigste Infrastrukturprojekt des 21. Jahrhunderts. Es soll China über ein Bündel maritimer und kontinentaler Verkehrswege mit Europa (und Afrika) verbinden und wird einen immensen Beitrag zur wirtschaftlichen Integration der eurasischen Landmasse leisten. Hierzu investiert China gigantische Summen in die Errichtung neuer Häfen, Umschlagplätze und Eisenbahnverbindungen und hat auch im zunehmend maroden Westen Fuß gefaßt. Es überrascht nicht, daß die USA das Reich der Mitte längst als künftigen Gegner ausgemacht haben.

Chinesisch-russische Annäherung als Horrorvision für Transatlantiker

Die politisch-wirtschaftliche Integration der eurasischen Landmasse ist bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts die Horrorvision anglo-amerikanischer Geopolitiker. War dabei in der Vergangenheit meist eine deutsch-russische Annäherung das Schreckensszenario Nummer eins, so bereitet neuerdings auch die chinesisch-russische Annäherung transatlantischen Geostrategen Kopfzerbrechen.

Ein aktuelles Beispiel dafür bietet ein Grundsatzbeitrag von John Van Oudenaren im renommierten US-Zweimonatsjournal „National Interest“. Unter dem programmatischen Titel „Amerikas Alptraum: Die chinesisch-russische Entente“ betrachtet der Autor ein mögliches Bündnis zwischen den beiden eurasischen Großmächten als die wohl „größte strategische Gefahr“ für die USA, die „sehr negative Konsequenzen“ haben könnte. Wörtlich: „Die gefährlichste Bedrohung für die USA wäre eine große Koalition Chinas und Rußlands, die keine Ideologie, sondern sich gegenseitig ergänzende Mißstände einen.“

Unter Hinweis auf den langjährigen früheren US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski beruft sich Oudenaren auf zwei Experten der Denkfabrik „Center for the National Interest“ und kritisiert vehement, daß Washington nicht längst eine Strategie zur Verhinderung der „zunehmenden Annäherung dieser einst erbitterten Rivalen“ verfolgt.

Zwar halten Experten, auf die sich Oudenaren beruft, eine formelle Allianz zwischen den beiden Großmächten – noch – für eher unrealistisch, weil sich eine solche Partnerschaft auf die florierenden, aber fragilen Handelsbeziehungen zwischen China und den USA auswirken könnte. Dennoch sei zu registrieren, daß China der Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Rußland äußerst positiv gegenüberstehe. Auch für Moskau wirkten sich die russisch-chinesischen Beziehungen strategisch in positiver Weise aus.

Neue Seidenstraße in Konkurrenz zu angelsächsischen Seemächte

Die Frage, die auch Oudenaren in seinem Beitrag offen läßt, ist die Frage, wie die US-Politik der russisch-chinesischen Annäherung begegnen soll. Das ist aber die Kernfrage, weil die Noch-Supermacht USA angesichts der eurasischen Herausforderung an ihre Grenzen stößt. Um Afrika erweitert (das von China derzeit mit immensem Aufwand erschlossen wird), verfügt der eurasische Großraum über alle erforderlichen Rohstoffe, um der Konkurrenz der angelsächsischen Seemächte erforderlichenfalls die Stirn bieten zu können. Für Washington ist das ein Horrorszenario.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die US-Führung hat China seit langem als unvermeidlichen Kontrahenten im Ringen um die globale Vormacht auf dem Radarschirm. Washington verheimlicht dies auch in keiner Weise. Erst vor wenigen Jahren, 2016, veröffentlichte die renommierte Rand Corporation unter dem Titel „War with China: Thinking Through the Unthinkable“ („Krieg mit China: Das Undenkbare denken“) eine alles andere als heimliche Studie über den künftigen Waffengang mit dem Reich der Mitte. Sie beschäftigt sich mit Kosten, Verlusten, den ökonomischen und politischen Folgen eines Krieges mit China – und nicht zuletzt: mit seiner Gewinnbarkeit. Vor allem macht sie deutlich, daß sich die USA längst warmlaufen.

Die Rand-Studie hier als PDF:
https://goo.gl/7bRZGw

Teilen Sie diesen Artikel!

Um auch weiterhin erfolgreich arbeiten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung!

1. Abonnieren Sie unseren Rundbrief!

2. Unterstützen Sie uns mit ihrer Spende!

3. Bestellen Sie in unserem ETN-Shop!

4. Folgen Sie uns in den sozialen Netzwerken:

Facebook - Twitter - Instagram - YouTube