Mit der wachsenden Eskalation im Venezuela-Konflikt kommt dem Nachbarland Kolumbien als verlängerter Arm Washingtons im nördlichen Lateinamerika wieder steigende Bedeutung zu. Nicht umsonst machte US-Sicherheitsberater John Bolton mit einer kryptischen Notiz eine unverhohlene Andeutung, als er kürzlich während einer Pressekonferenz den anwesenden Fotografen die handgeschriebenen Worte vor die Kameras hielt: „5000 Soldaten nach Kolumbien“. Offiziell heißt es dazu aus Washington nur: „Alle Optionen sind auf dem Tisch.“ Das schließt auch militärische Optionen ein.

James Monroe

Boltons Hinweis auf Kolumbien ruft die traditionelle Linie der US-Außenpolitik in Lateinamerika in Erinnerung. Lateinamerika gilt seit mindestens 150 Jahren als der „Hinterhof der USA“. US-Präsident James Monroe meldete bereits 1823 den Anspruch der USA auf die Vorherrschaft auf dem amerikanischen Kontinent an – damals noch in offener Konkurrenz zu den europäischen Kolonialmächten (wobei gerne ausgeblendet wird, daß Monroes Doktrin ausdrücklich die Nichteinmischung der USA in europäische Angelegenheiten vorsah); spätestens 1904/1905 erweiterte Präsident Theodore Roosevelt die Monroe-Doktrin dann offiziell um ein Interventionsgebot, das sich kaum verklausuliert hinter der Aufgabe einer quasi-internationalen Polizei im Süden des amerikanischen Doppelkontinents verbarg. Wörtlich dekretierte Roosevelt am 6. Dezember 1904 in seiner Jahresbotschaft an den Kongreß:

„Fortgesetztes Unrecht kann in Amerika oder anderswo schließlich das Eingreifen einer zivilisierten Nation erfordern, und in der westlichen Hemisphäre werden die Vereinigten Staaten, da sie auf dem Boden der Monroe Doktrin stehen, dazu gezwungen sein, in Fällen, in denen eine Regierung solches offensichtliche Unrecht begeht oder nicht imstande ist, es abzustellen, die Rolle einer internationalen Polizei – wenn auch noch so widerstrebend – zu spielen.“

USA als Hegemonial auf dem amerikanischen Kontinent

Seither nimmt sich Washington mehr oder weniger offen das Recht heraus, über die politischen Geschicke Lateinamerikas mitzuentscheiden. Nach einer ersten Expansionswelle um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert intervenierten die USA vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte in zahlreichen lateinamerikanischen Ländern, von Guatemala über Kuba bis Nicaragua. In der OAS, der Organisation amerikanischer Staaten, die ihren Sitz bezeichnenderweise in Washington hat, sind die USA die klar dominierende Hegemonialmacht.

Es ist kein Zufall, daß die US-Botschaft in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá bis vor wenigen Jahren die weltweit größte war. Kolumbien ist seit Jahrzehnten der wichtigste Anker für die Politik der USA in Lateinamerika. Die Regierungen des Landes sind fast ausnahmslos enge US-Verbündete, agieren praktisch auf Zuruf aus Washington und machen sich auch militärisch immer wieder zum Handlanger der USA.

Die kolumbianische Armee, großzügig von den USA mit Waffen ausgestattet und von US-Experten ausgebildet, setzte bereits in den 1920er-Jahren die Interessen von US-Firmen in Kolumbien mit Gewalt durch.

Höhepunkt amerikanischer Einflußnahme war der sog. Drogenkrieg

Ein Höhepunkt dieser militärischen Einflußnahme war der sogenannte Anti-Drogen-Krieg ab den 1980er-Jahren. Die US-Drogenbehörde DEA versuchte die Kokainproduktion in Kolumbien, dem weltweit wichtigsten Anbaugebiet, zu reduzieren. Dafür wurden nicht nur Eliteeinheiten des US-Militärs eingesetzt, sondern auch die kolumbianische Armee und nicht zuletzt bewaffnete Milizen, die im Sold von Großgrundbesitzern stehen. Der Bürgerkrieg in Kolumbien, der das Land seit den sechziger Jahren in Atem hielt, wurde so noch weiter angeheizt.

Selbst als in Lateinamerika nach der Jahrtausendwende immer mehr linke oder kommunistische Regierungen an die Macht kamen und diese sich von den USA distanzierten, blieb Kolumbien ein treuer US-Verbündeter – und wurde infolgedessen zum erbittertsten Gegner des Nachbarlandes Venezuela, wo sich ebenfalls ein sozialistisches Regime etablieren konnte. Beide Seiten versuchten die Regierung des Nachbarlandes zu destabilisieren, mehrmals war man einem Krieg gefährlich nahe.

Seit Venezuela nach dem Tod von Hugo Chávez (2013) in Chaos und Elend versinkt, ist Kolumbien das von der Krise am stärksten betroffene Land. Zehntausende Venezolaner sind über die Grenze nach Kolumbien geflohen, versuchen im Nachbarland Arbeit oder lebensnotwendige Güter zu finden, die es in ihrer Heimat nicht mehr gibt.

Militärische Intervention offensichtlich schon etwas länger geplant

Eine militärische Intervention der USA in Venezuela ist nicht erst seit der jüngsten Eskalation im Gespräch. US-Präsident Trump hat seit seinem Amtsantritt wiederholt öffentlich damit spekuliert. Für Alexander Main, Lateinamerika-Experte der US-Denkfabrik Center for Economic and Policy Research (CEPR) in Washington, ist das nur die konsequente Fortsetzung einer Politik, die die USA spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit Nachdruck verfolgen: „Es geht darum, die US-Vormachtstellung in Lateinamerika zu sichern.“

Das ist zwar richtig, infolge der voranschreitenden Multi-Polarisierung der Weltordnung des 21. Jahrhunderts jedoch komplizierter als in der Vergangenheit. Der Ölreichtum Venezuelas, auf den die USA seit langem ihr Auge geworfen haben, hat längst neue und gewichtige Wettbewerber wie etwa China auf den Plan gerufen, das auch in Venezuela in gigantische Infrastrukturprojekte investiert und etwa das Eisenbahnnetz modernisiert hat. Auch mit der russischen Präsenz müßten potentielle Aggressoren rechnen. Der Kreml erwägt bereits seit geraumer Zeit, permanent strategische Bomber, die mit Atomwaffen ausgestattet werden können, nach Venezuela zu verlegen. Russische Bomber sind derzeit – sehr zum Argwohn Washingtons – auf einem Stützpunkt auf der Insel Orchilla stationiert.

Ob angesichts dieser Konstellation aus dem Säbelrasseln um Venezuela ein „heißer“ militärischer Konflikt wird, steht zumindest zu bezweifeln. Allein mit der Monroe-Doktrin läßt sich heute auch für Washington keine Großmachtpolitik in Lateinamerika mehr betreiben.

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