Am 26. Mai werden auch die Bürgerinnen und Bürger Zyperns an die Wahlurnen gebeten. Um Sitze im Europaparlament bewirbt sich dann unter anderem eine nationalistische Kraft, die Ethniko Laiko Metopo (ELAM, auf deutsch Nationale Volksfront). 2016 ließ die ELAM um ihren Vorsitzenden Christos Christou erstmals aufhorchen, als es ihr bei der Parlamentswahl gelang, mit 3,7 Prozent die 3,6-Prozent-Hürde zu nehmen. Seitdem ist die Partei mit zwei Abgeordneten im Parlament vertreten, dem insgesamt 56 Mandatsinhaber angehören. Das nächste Achtungszeichen setzte ELAM 2018: Bei der Präsidentenwahl stimmten für Christos Christou 21 846 Wähler, was einem Anteil von 5,7 Prozent entsprach.

Christos Christou (rechts) und der Parteivorsitzende der griechischen „Goldenen Morgenröte“ Nikos Michaloliakos 

Der 38jährige Christou, der in Athen ein Studium der Radiologie absolvierte, steht schon mit seiner politischen Vita für ein Kernanliegen der Volksfront: Denn bevor der aus Nikosia stammende Aktivist in seinem Heimatland aktiv wurde, gehörte er der Goldenen Morgenröte in Griechenland an. Er und seine Mitstreiter stehen für eine Politik, die sich auch und gerade in volkstumspolitischer Hinsicht eng an Griechenland anlehnt. Der von ihr propagierte griechische Nationalismus soll auch das öffentliche Schulwesen erfassen. In bezug auf die auch Zypern betreffende illegale Einwanderung wird eine Null-Toleranz-Politik vertreten.

Bevor die ELAM im Mai 2011 als legale politische Kraft akzeptiert wurde, existierte sie unter dem Namen „Golden Dawn: Cypriot Kernel“. Der Versuch, sich als Partei mit dieser Bezeichnung registrieren zu lassen, scheiterte an den staatlichen Autoritäten, weshalb sich die Aktivisten um Christos Christou 2008 deshalb zur „National Popular Front“ zusammenschlossen.

2013: Herbe Einschnitte durch Deal mit IWF und EU

Der EU steht die ELAM, die einen „volkstumsbezogenen und sozialen Nationalismus“ vertritt, eher skeptisch bis ablehnend gegenüber, und das nicht von ungefähr. Vor etwas mehr als einem Jahrfünft engagierten sich die zyprischen Banken überaus stark in griechischen Staatsanleihen. 2012/13 wurde ihnen die Zockerei zum Verhängnis, nachdem jene Papiere große Kursverluste verzeichneten und für Griechenland ein Schuldenschnitt beschlossen worden war. Im März 2013 drohte so der Konkurs mehrerer Banken, unter ihnen die Bank of Cyprus und die Laiki Bank – und damit der Staatsbankrott der Republik Zypern. EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) schnürten daraufhin ein „Rettungspaket“ – unter der Bedingung, daß sich die Sparer mit satten sechs Milliarden an den Kosten für die Rettung der zypriotischen Banken beteiligten. Zudem wurden die Steuern erhöht und die Löhne gekürzt; die Arbeitslosigkeit stieg deutlich. Zu den Auflagen der Gläubiger zählte neben einem Sparkurs mit einhergehenden Stellenstreichungen auch die Privatisierung von vormals staatlichem Eigentum.

Osmanen und Briten – zwei Kolonialmächte

Wer sich mit Zypern eingehender beschäftigt, kommt zudem an der Frage der Teilung nicht vorbei. Etwa zwei Drittel der Landesfläche der drittgrößten Mittelmeerinsel befinden sich unter effektiver Kontrolle der Republik Zypern, 36 Prozent unter türkischer Besatzung; im Süden unterhält Großbritannien Militärbasen, die zwei Prozent der Landesfläche einnehmen. Zudem gibt es eine unter UN-Verwaltung stehende Pufferzone.

Seine militärische günstige Lage, die Mittlerstellung im Handel und seine bedeutenden Kupfervorräte (daher rührt der griechische Name Kypros) machten das Land beizeiten zum begehrenswerten Objekt von Eroberern, angefangen bei den Persern bis hin zu den Arabern, die seit 649 mehrfach in Zypern einfielen. Erst 969 gelang es, das Land wieder an Byzanz zu binden. 1191, während des 3. Kreuzzuges, wurde das christlich geprägte Zypern von dem englischen König Richard Löwenherz besetzt. Spätestens jetzt begann die Kolonialherrschaft – eine Chronik.

1192 – 1489

Auf Zypern herrscht die von Richard Löwenherz eingesetzte Dynastie Lusignan; ihre Nachfolge wird durch Venedig, seinerzeit eine bedeutende Seemacht, angetreten. Die Venezianer herrschen hier bis 1571.

1570

Truppen des Osmanischen Reiches richten auf der Insel ein Blutbad an. Im August 1571 ergibt sich Famagusta nach zehnmonatiger Belagerung. 1571 zwingen die Türken Venedig auch formell zum Verzicht auf Zypern. Sie siedeln 30 000 ihrer Landsleute auf der Insel an. Die Rechte des orthodoxen Erzbischofs als Ethnarch, also Haupt der Nation, bleiben weitgehend unbeschnitten.

1821

Die Zyprer beteiligen sich am griechischen Unabhängigkeitskampf. In Reaktion darauf ermorden die Osmanen den Erzbischof. Zypern bleibt unter türkischer Herrschaft, erhält aber durch Erlasse des Sultans (1838, 1856) einen Ältestenrat und griechische Schulen.

4. Juni 1878

Die türkisch-britische Konvention einer Defensivallianz kommt zustande. Die Initiative hierzu geht von London aus, das der Hohen Pforte den Beistand gegen Rußland verspricht und dafür Zypern einhandelt. Auf dem Berliner Kongreß (August 1878) sicherte sich Großbritannien die Verwaltung Zyperns. In der Folge büßte der Erzbischof alle politischen Privilegien ein; an seine Stelle trat der britische Hohe Kommissar.

Auf dem Gemälde des Malers Anton von Werner wird die abschließende Sitzung des Berliner Kongresses am 13. Juli 1878 in der Reichskanzlei dargestellt, wobei die Komposition die damalige Mächtekonstellation ausdrückt.

5. November 1914

Großbritannien annektiert im ersten Weltkriegsjahr die Insel. 1923 wurde dieser Schritt auf der Lausanner Konferenz bestätigt, und am 1. Mai 1925 wird Zypern zur britischen Kronkolonie. Später avanciert sie zu einem wichtigen Glied in der Stützpunktkette der Royal Air Force. Die Macht übt ein Gouverneur aus, der sich formell auf einen Beirat stützt. Ihm gehören neben zwölf Griechen drei Türken und neun Briten an.

Ab Mitte der zwanziger Jahre

Der im 19. Jahrhundert entstandene Gedanke der Enosis, also des Anschlusses an Griechenland, lebt wieder auf. Richtete sich die Enosis-Bewegung ursprünglich gegen die osmanische Herrschaft, erhält sie nunmehr zwangsläufig eine antibritische Stoßrichtung. Am 21. September 1931 beginnt auf Zypern ein Volksaufstand, in dessen Folge Großbritannien den Legislativrat auflöst. Die Bewohner des Landes werden zu einer Geldstrafe in Höhe von 25.000 Pfund Sterling verurteilt. Während des 2. Weltkriegs gewinnt die Unabhängigkeitsbewegung weiter an Fahrt.

15. Januar 1950

Eine von kirchlicher Seite durchgeführte Volksbefragung zeigt einmal mehr, wie tief der Enosis-Gedanke bei den griechischen Zyprioten verwurzelt ist. 95,7% der Wahlberechtigten unter ihnen sprechen sich für eine Vereinigung der Insel mit Griechenland aus. Dreh- und Angelpunkt der Bewegung ist Erzbischof Makarios III. (1913 – 1977), Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche auf Zypern.

20. August 1954

Acht Tage nach einer antikolonialen Demonstration beantragt Griechenland eine Zypern-Debatte der UN. Das führt zu erheblichen Spannungen innerhalb der NATO. Vom 29. August bis zum 7. September 1955 verhandeln Griechenland, Großbritannien und die Türkei über die Zypern-Frage. Während sich London für eine begrenzte Selbstverwaltung ausspricht, plädiert Griechenland für die volle Eigenständigkeit. Die Türkei fordert die Beibehaltung des Status Quo. Die Konferenz endet ohne meßbare Ergebnisse.

1955

Die EOKA, die Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer (Ethniki Organosis Kyprion Agoniston), beginnt mit dem bewaffneten Kampf gegen die britische Kolonialmacht. EOKA-Gründer Georgios Grivas (1898 – 1974) und seine Mitstreiter vertreten durchaus den Enosis-Gedanken. Hauptziel ist indes die Erringung der Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gespalten: Einerseits wünscht auch sie sich die volle Souveränität, andererseits lehnen viele die mit den EOKA-Aktivitäten verbundene Gewalt ab. Die in der AKEL organisierten Kommunisten setzen auf Massenstreiks und Demonstrationen.

23. Februar 1959

Im Londoner Abkommen wird Zypern die Unabhängigkeit zugesichert. Die Übereinkunft schließt den Anschluß der Insel an einen anderen Staat oder ihre Aufteilung zwar aus. Allerdings muß mit Großbritannien am 1. Juli 1960 ein Stationierungsvertrag abgeschlossen werden. Teile der Insel (Dhekelia und Akrotiri) sind demnach der nationalen Kontrolle entzogen und de facto der NATO unterstellt. Zudem räumen sich Großbritannien, die Türkei und Griechenland im Garantievertrag ein Interventionsrecht ein.

16. August 1960

Die Unabhängigkeit Zyperns wird proklamiert. Noch am 20. August d. J. nimmt die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen zum Mittelmeerstaat auf (am 21. Dezember 1972 die DDR). Präsident wird Makarios, sein Vize der türkische Zyprer Fazıl Küçük. Die Sitze im Parlament werden entsprechend dem Anteil an der Bevölkerung zwischen türkischen und griechischen Zyprioten aufgeteilt. Demnach stellen die Griechischstämmigen 70%, die Türken, zumeist Nachfahren von zwangsangesiedelten anatolischen Bauern, 30%.

Staatsbesuch des Präsidenten von Zypern, Erzbischof Makarios III., in der Bundesrepublik und West-Berlin. Besuch bei den Siemens-Werken in Berlin.

1963

Präsident Makarios strebt eine Verfassungsänderung zugunsten der griechischen Bevölkerung an. In der Folge kommt es zu schweren Straßenschlachten und zur Teilung der Hauptstadt Nikosia in den türkischen Norden und den griechischen Süden.

1964

US-Präsident Lyndon Johnson läßt den sogenannten Acheson-Plan ausarbeiten. Demnach ist beabsichtigt, eine Union zwischen Griechenland und Zypern zu gestatten, während für die türkischen Zyprer drei Kantone (verbunden mit dem Recht einer vollen administrativen Kontrolle) eingerichtet werden sollen. Weiter sah der Plan vor, der Türkei das Recht einzuräumen, auf der Halbinsel Karpas eine große Militärbasis einzurichten. Der Hintergrund: Johnson ist wegen der Konflikte auf der strategisch wichtigen Insel beunruhigt. Er fürchtete einen Krieg zwischen seinen (NATO-) Verbündeten Türkei und Griechenland, wodurch die südwestliche Flanke des Bündnisses eine Schwächung erfahre würde. Erzbischof Makarios lehnt den Plan ab, da ihm die darin enthaltenen Zugeständnisse an die Türkei zu weit gehen. Sowohl die UdSSR als auch Griechenland äußern sich gleichfalls ablehnend.

21. April 1967

Nach dem an diesem Tag in Griechenland stattfindenden Militärputsch nehmen die Aktivitäten der progriechischen Kräfte auf Zypern wieder stark zu. Zentrale Persönlichkeit ist General George Grivas, der die EOKA (II) neubelebt. Da er aber mit der Athener Junta eng verbunden ist und die Aktionen der EOKA II oft von Gewalt begleitet sind (u. a. Überfälle auf Polizeistationen, Mordanschläge auf Präsident Makarios), fehlt ihr der Rückhalt in der Bevölkerung. Der Astrapi-Plan, die gewaltsame Umsetzung der Enosis, scheitert.

Georgios Grivas 1967

Derweil versucht die türkisch-zyprische Führung, in Abstimmung mit Ankara neue Realitäten zu schaffen. Seit 1964 ruht die Mitarbeit in den zentralen Staatsorganen, türkische Zyprer werden in den Nordosten umgesiedelt. 1967 entsteht eine „Provisorische Türkisch-Zyprische Administration“. Das Schlagwort lautet „Taksim“, Teilung der Insel.

15. Juli 1974

Das die griechisch-zyprische Nationalgarde befehligende und eng mit der Athener Militärregierung verbundene Offizierskorps putscht gegen Präsident Makarios. Es kommt zu Ausschreitungen gegenüber der türkischstämmigen Bevölkerung. Am 20. Juli beginnt die militärische Intervention der Türkei; Nordostzypern wird besetzt. Unter den Kampfhandlungen leidet (wie immer) am meisten die Zivilbevölkerung (3000 Tote, 2500 – 4000 Vermißte). Ein Drittel der Bevölkerung muß die ursprünglichen Wohngebiete verlassen; 70 000 Menschen verlieren ihre Arbeit; viele Fabriken und Hotels werden zerstört.

Anfang 1975

Im Norden der Insel wird ein türkisch-zypriotischer Teilstaat errichtet. Das Amt des Präsidenten übt Rauf Raif Denktaş aus, der seinerseits 1983 die allein von Ankara anerkannte „Türkische Republik Nordzypern“ (türkisch: Kuzey Kıbrıs Türk Cumhuriyeti) ausruft. Makarios, Ende 1974 wieder eingesetzt, wurde ebenso wie seine Nachfolger Spyros Kyprianou, Georgios Vassiliou sowie Glafkos Klerides nur vom griechischen Teil Südzyperns anerkannt.

2003/2004

Bei den Präsidentschaftswahlen im griechischen Teil der Insel setzt sich mit Tassos Papadopoulos ein Kandidat der oppositionellen Demokratischen Partei gegen Klerides durch. Im März d. J. scheitert eine Friedensinitiative der UNO. Sie sieht die Schaffung eines Bundesstaates nach Schweizer Vorbild vor. Im Monat darauf öffnet die türkisch-zypriotische Regierung überraschend die Grenze zwischen den beiden Teilen der Insel. Gleichfalls 2004 siegt bei den Parlamentswahlen im türkischen Teil die Republikanische Partei; sie befürwortet eine Wiedervereinigung.

Noch im selben Jahr stimmen beide Bevölkerungsteile in getrennten Referenden über einen von den UN bzw. ihrem Präsidenten Kofi Annan vorgelegten Wiedervereinigungsplan ab. Geht es nach den UN, soll der griechische Teil fortan die Bezeichnung „Griechisch-zyprischer Staat“ tragen, für den türkischen ist der Name „Türkisch-zyprischer Staat“ vorgesehen. Der Plan scheitert am Widerstand des Südtteils. Hier stimmen 76% der griechischen Zyprioten mit Nein. Wäre Annans Plan auch im Süden auf Akzeptanz gestoßen, würde Zypern heute „Vereinigte Republik Zypern“ heißen. So aber wurde Zypern am 1. Mai 2004 als geteiltes Land Mitglied der EU.

2006

Bei den Parlamentswahlen bestätigt die griechisch-zyprische Bevölkerung die Regierungskoalition unter Papadopoulos. Sie steht dem UN-Plan ablehnend gegenüber.

21. März 2008

Während eines Treffens zwischen den Führern der zwei Volksgruppen, Dimitris Christofias und Ali Talat, wird begonnen, erneut Verhandlungen über eine Vereinigung der beiden Inselteile zu führen. Am 3. April 2008 öffnet ein Grenzübergang in der Fußgängerzone an der Ledrastraße in Nikosias Altstadt. Er ist nur für Fußgänger und Radfahrer geöffnet.

Die Präsidentschaftswahlen gewinnt Christofias; sein Vorgänger Papadopoulos hatte wegen seiner unflexiblen Haltung gegenüber der türkisch-zypriotischen Führung an Zustimmung verloren.

2015

Mustafa Akıncı, seit April 2015 Präsident der Türkischen Republik Nordzypern, nimmt gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Verhandlungen zur Wiedervereinigung der Insel unter Vermittlung der Vereinten Nationen wieder auf.

Eine Einigung über die Zypern-Frage kam bislang nicht zustande, zumal für den türkischen Präsidenten Erdogan ein Truppenabzug nicht zur Debatte steht. Andererseits ist die von der ELAM vertretene Position, sich möglichst eng an Griechenland anzulehnen, aus ethnischer wie auch aus historischer Warte nachvollziehbar. Außerdem machten beide Staaten zuletzt eher schlechte Erfahrungen mit globalistischen Knebel-Organisationen wie der EU oder dem IWF.

Die Chancen auf einen neuerlichen Paukenschlag stehen dabei nicht schlecht. Die Umfragen sehen die ELAM, die bei der letzten Europawahl 2,7 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, bei etwa acht Prozent. Ihr Frontmann Christos Christou, im nationalen Parlament stellvertretender Vorsitzender des ständigen Ausschusses für Gesundheitsfragen, erhielt in der jüngeren Vergangenheit durchaus Einblick in Fragen der EU-Politik. So ist er als Abgeordneter des zyprischen Einkammer-Parlaments Mitglied der Delegation für die Konferenz der Ausschüsse für Gemeinschafts- und Europaangelegenheiten der EU-Parlamente. Auch gehört Christou dem ständigen Ausschuß für auswärtige und europäische Fragen an.

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