Zum 75. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie erging sich die Crème der westlichen Staats- und Regierungschefs im britischen Portsmouth in Lobeshymnen auf die vorgeblichen westlichen Werte, die 1944 und im darauffolgenden knappen Jahr bis zum Kriegsende den Sieg über „Nazideutschland“ davongetragen hätten.

Auch Bundeskanzlerin Merkel demonstrierte bei dieser Gelegenheit einmal mehr ihre Verbundenheit mit der transatlantischen Wertegemeinschaft und verklärte ihre eigene Teilnahme an dem Gedenken zu einem „Geschenk der Geschichte“. Die Landung der Alliierten habe Deutschland die „Befreiung“ vom Nationalsozialismus gebracht. Und: „Daß ich als deutsche Bundeskanzlerin heute dabei sein kann, und daß wir heute gemeinsam für den Frieden und die Freiheit eintreten, das ist ein Geschenk der Geschichte, das es zu schützen und zu pflegen gilt“, repetierte Merkel die westliche Sicht auf die jüngere Geschichte.

Am Tag nach der Veranstaltung in Portsmouth versammelten sich die westlichen Staatslenker zu einer weiteren Gedenkzeremonie an der französischen Küste und bekräftigten auch hierbei den historischen Sieg. US-Präsident Trump verstieg sich auf dem amerikanischen Militärfriedhof Colleville-sur-Mer bei Bayeux gar zu der Behauptung, die Alliierten hätten 1944 „das Überleben der Zivilisation“ gesichert. „Sie haben unsere Lebensweise für viele Jahrhunderte verteidigt.“ Und: „Sie haben diesen Boden für die Zivilisation zurückgewonnen.“

Von den Medien weniger beachtet, fand zeitgleich mit dem D-Day-Gedenken ein anderer bemerkenswerter Gipfel statt. Während sich in Frankreich und Großbritannien die führenden Größen des transatlantischen Blocks ihrer Werte („Freiheit“, „Zivilisation“) versicherten, trafen sich in der russischen Hauptstadt die beiden Präsidenten der eurasischen Großmächte Rußland und China, Putin und Xi Jinping. Sie lobten dabei die florierenden Beziehungen zwischen ihren Ländern und kündigten deren weitere Intensivierung an. Man wolle die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern „auf ein neues, höheres Niveau zu heben“, erklärte Xi. Dafür habe man sich auf „wechselseitige Unterstützung und Beistand“ geeinigt.

Putin hatte schon im Vorfeld hervorgehoben, es sei Xi zu verdanken, daß die bilateralen Beziehungen in den vergangenen Jahren eine „beispiellose“ Bedeutung gewonnen hätten. Kreml-Berater Juri Uschakow stellte die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung über „globale Partnerschaft und strategische Zusammenarbeit“ in Aussicht.

Abseits der offiziellen Verlautbarungen muten die gleichzeitigen Gipfeltreffen der beiden konkurrierenden Großblöcke wie das spontane Sichtbarwerden konkurrierender politischer Entwürfe an. Denn gerade die als „autoritär“ verschrieenen Systeme Rußlands und Chinas werden im liberalen Westen gerne – und zurecht – als Alternative zum liberalen westlichen Weltentwurf gesehen, die sich dabei als das zusehends erfolgreichere Modell präsentieren kann: während im Westen insbesondere die EU von unübersehbaren Auflösungserscheinungen geschüttelt wird, kann etwa China auf fulminante wirtschaftliche Wachstumszahlen und mit dem Projekt der Neuen Seidenstraße außerdem auf ein gigantisches, ja konkurrenzloses Infrastruktur-Aufbauprojekt verweisen, das in Zukunft erheblich zur ökonomischen Verflechtung der eurasischen Landmasse beitragen dürfte – sehr zum Ärger transatlantischer Strategen.

Im Westen werden die aufstrebenden eurasischen Großmächte häufig als Bedrohung dargestellt. Tatsächlich ist diese Sicht verzerrend und verdankt sich weniger realen Befunden als westlichen Propagandaschablonen. Der rechtspopulistische tschechische Politiker Jiří Kobza entlarvte die Mär von der angeblichen russischen „Bedrohung“ erst dieser Tage treffend in einem Beitrag für das Nachrichtenportal „Parlamentní Listy“ (Parlaments-Blätter) und brachte dabei Grundsätzliches zur Sprache. Kobza, der der Partei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) unter Tomio Okamura angehört, schreibt, Rußland habe tatsächlich etwas, was seine westlichen Nachbarn beunruhigt: Tradition und Patriotismus.

Rußland stehe damit für eine in der EU verhaßte Ideologie ein – für die Aufrechterhaltung von Traditionen und die Ablehnung des Einflusses der sogenannten „Zivilgesellschaft“ auf politische Ereignisse. Die Russen respektieren und pflegen in den Augen Kobzas ihre nationalen Traditionen und lehren auch ihre Kinder, diese zu achten. Patriotismus werde als Tugend und nicht als etwas Bedrohliches angesehen (wie dies unter westlichen Linksliberalen durchweg der Fall ist).

Auch der radikale Feminismus und „verrückte Genderismus“ finde bei den Russen keinen Anklang. Frauen hätten dort dieselben Rechte wie Männer, aber niemand versuche zu bestreiten, daß sich Frauen von Männern unterscheiden. Rußland habe es sich zudem erlaubt, auf die „Propaganda von seltsamen Minderheiten“  zu verzichten.

„Das sind alles Werte, die bei uns 30 Jahre lang unterschätzt und vergessen wurden“, schreibt Kobza, der Abgeordneter der SPD im tschechischen Parlament ist. Er macht auch eine bemerkenswerte Feststellung über die Rolle des Islam in Rußland – knapp ein Drittel der Bevölkerung Rußlands seien Muslime, weshalb es in Rußland traditionell Respekt gegenüber dem Islam gebe. Doch gleichzeitig werde dessen Expansion im Zaum gehalten – ein Hinweis, über den insbesondere westeuropäische Islamhasser nachdenken sollten.

Alles in allem bedrohe Moskau, argumentiert Kobza, die EU also nicht mit seiner Militärmacht, sondern mit gesundem Menschenverstand, mit seinem Respekt für die eigene Geschichte und die eigenen Vorfahren. Diejenigen, die es wagten, die antirussische Propaganda zu kritisieren, würden sofort als Putins Agenten denunziert. Die Antwort auf die Frage, ob man Rußland fürchten müsse, könne mithin verschieden ausfallen: so hätten Patrioten und Verfechter von Traditionen keine Angst vor Rußland und auch keinen Grund dazu.

Kobzsas programmatischer Beitrag ist ein Beispiel dafür, daß der Wettstreit der Systeme, in dem der Westen heute längst nicht mehr automatisch als Sieger dasteht, mitten in Europa angekommen ist – und beileibe nicht nur „Putin-Trolle“ inspiriert. Erst vor wenigen Wochen sah sich US-Außenminister Pompeo bei seinem Besuch in Budapest veranlaßt, auch Ungarn wegen seiner allzu guten Beziehungen zu Rußland zu kritisieren.

Will sagen: der Westen kann sich heute anders als vor 20 Jahren seiner unangefochtenen Dominanz über Europa nicht mehr sicher sein. Mit dem Wiedererstarken der eurasischen Führungsmächte Rußland und China hat das westliche Modell mittlerweile Konkurrenz bekommen – und sieht sich mitten in der eigenen geographischen Domäne mit ihr konfrontiert. Die Zentrifugalkräfte in der EU dürfte dies ebenso verstärken wie die Risse im transatlantischen Bündnis. Insofern kann die dröhnende Selbstbestätigung der westlichen Spitzenpolitiker anläßlich des Normandie-Gedenkens auch als Pfeifen im Walde interpretiert werden.

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